Willkommen bei Klaus Kirschbaum in Köln
Willkommen bei Klaus Kirschbaum in Köln

Portishead

Nur 3 Alben haben sie herausgebracht (1994 Dummy, 1097 Portishead und 2008 Third), doch sie gelten als "Erfinder des trip-hop", zumindest als "Meilenstein". Als das 3. Album herauskommt, beschreibt Thomas Groß in der ZEIT die Dinge viel besser, als ich es als bloßer "Zuhörer" könnte ...

"Die Erfinder sind zurück

Große Bands erschaffen sich immer wieder neu. Auf ihrer Comeback-CD »Third« zeigen Portishead, wie sich die Avantgarde anhört

 

Eins von früher könnten sie doch spielen. Eins von den alten Stücken, die man nie wieder loswird, weil sie einem dabei halfen, nicht völlig durchzudrehen, damals auf der After-Work-Party. Die zu Klassikern des späten 20. Jahrhunderts geworden sind. Und eins werden sie auch spielen, Mysterons, in einer nah am Original gebauten, nachtblau schimmernden Version. Applaus, Ovationen, einige im Saal reißt es von den Sitzen. Das war es aber auch schon mit dem nostalgischen Part. Portishead sind keine dieser Bands.

Portishead gehören zur anderen Sorte Bands. Zu denen, die ein paranoides Verhältnis zum Erfolg pflegen. Die sich aus Angst vor Wiederholungen in Experimente stürzen. Die unsicher auf der Bühne herumstehen, weil sie nicht wissen, ob das, was sie da nach elf Jahren Studioklausur in die Welt gesetzt haben, wirklich etwas Unerhörtes ist. Portishead betreiben das Geschäft der Avantgarde mit einer Ernsthaftigkeit, wie man sie nur noch bei Amateuren findet. Kleidung und Lebensstil sind angesichts dessen zweitrangig. Geoff Barrow schlurft in T-Shirt und unfassbar schlecht sitzenden Jeans herein. Sein stierer Blick aufs Display verrät, dass er gern ganz hinter der Musik verschwinden würde.

Wir befinden uns im Sendesaal 1 des ehemaligen Ostrundfunks, einer Location von erlesenem Retrocharme. Früher spielten hier in Berlin-Adlershof Orchester auf, jetzt glimmen auf der Bühne in der Mitte des Raums die Verstärkerlämpchen. In wenigen Minuten wird eine Weltpremiere ihren Lauf nehmen, die Aufführung des neuen Portishead-Albums durch die Band selbst. Barrows Sekundanten – Gitarrist Adrian Utley und zwei Aushilfsmusiker an Tasten und Schlagzeug – haben ihre Plätze eingenommen, auch Sängerin Beth Gibbons ist durch eine Tür in der holzgetäfelten Wand hereingeschwebt. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für ein Grußwort, doch das einnehmende Kommunizieren ist die Sache dieser Band nicht. »Wir sind langweilige Leute, die Musik machen«, hat Barrow einmal gesagt. Er hätte auch sagen können: Die Energie, die andere auf ihre Frisuren verwenden, steckt diese Band in ihr Fortkommen.

In dieser Musik mischen sich Angst und Sehnsucht

Third, ihr jüngstes Werk, schwankt schon im Titel zwischen minimalistischer Durchsage und sinfonischer Großtat. Dieser kalte Märzabend wird zeigen, dass beides stimmt. Noch immer lebt der Portishead-Sound von der Spannung zwischen ihren Protagonisten: Gibbons, die sich ans Mikro klammert, als sei es ihr einziger Halt, und Barrow, der an den Reglern die Kontrolle behält. Wenn sie opulent wird, bleibt er kühl, und umgekehrt: Bei zu hohem Synthetikanteil gibt sie den Maschinensounds Expressivität und Pathos zurück. Und doch ist, aufs Ganze gesehen, Schwund. Nicht mehr im Repertoire sind die Barjazzatmosphäre, die Hammondorgel und die Streicherwände, die die Vorgängeralben so cineastisch klingen ließen. Gestrichen sind auch allzu vernutzte Samples: das Knistern einer Schellackplatte oder die elegisch verhallte Gitarre aus dem Fundus alter Western.

Dabei war es die Erlesenheit der Samples, aus der der Erfolg der Band erwuchs. In den frühen Neunzigern gehörte Geoff Barrow zu den Menschen, die in Plattenkisten nach seltsamer Musik wühlten. Es herrschten günstige Zeiten für Schatzgräber. Die Möglichkeiten, Klänge am Schneidetisch weiterzuverarbeiten, waren noch in der Entwicklungsphase, Schlafzimmerstudios die Ausnahme, nicht die Regel. Die Legende will es, dass Barrow sich mit Freunden aus Bristol, der Stadt, nach der der neue Sound später benannt werden sollte, einen Wettkampf lieferte, wer mit den entlegeneren Funden nach Hause kommen würde. Den Durchbruch brachte aber erst die Begegnung mit Beth Gibbons.

Über die Gründungsszene kursieren verschiedene Varianten: Wahlweise hat man sich auf einer Weiterbildung kennengelernt oder in einem der Clubs, wo Gibbons damals mit Janis-Joplin- und Billie-Holiday-Programmen auftrat. Sicher ist, dass Dummy, die Frucht ihrer Zusammenarbeit, sich als Geschöpf von unheimlicher Anziehungskraft erweisen sollte. Klagegesänge über Einsamkeit und Entfremdung, unterlegt mit einem Teppich aus Recyclingmaterial – darauf konnten sich alle einigen, der melancholische Connaisseur wie der Zeitgeistapostel, der Freund des schönen Liedes wie der Anhänger kühlen Klangdesigns. Avantgarde und Retro schwangen darin mit, Euphorie und Kälte, Seele und Software, die Sehnsucht nach Neuem und die Angst vor den Folgeschäden.

Der wahre Klang muss gegen alle Widerstände durchgesetzt werden

Dummy wurde zum Jahrzehnt-Album. Doch Erfolgsformeln haben es an sich, vom Mainstream aufgesogen zu werden. Die Entwicklung des Internets machte immer entlegenere Klangquellen verfügbar, der Sound aus Bristol ging unter dem Label TripHop in Serie. Bald wimmelte es von Nachahmerprojekten, die maschinell erstellte Klangtapeten auf den Markt warfen – ein Schlag, von dem die Erfinder sich nie wieder ganz erholten. Unter Qualen kam noch ein Nachfolger zustande und eine Platte namens Roseland NYC live, das Dokument eines New Yorker Abschiedskonzerts. Dann herrschte für mehr als ein Jahrzehnt Funkstille.

Jetzt also Third. Melodien im herkömmlichen Sinn gibt es keine, auch auf Refrains wurde weitestgehend verzichtet. Stattdessen erfährt das Publikum im Sendesaal 1 am eigenen Leib, was es bedeutet, wenn Beats mit drastisch erhöhtem Rumpelfaktor und tiefstfrequenzige Bässe in die Magengrube fahren. Manche dieser Attacken stammen noch immer von Maschinen, andere werden von Barrows und seinen Gehilfen mit Geigenbögen aus Gitarren gelockt oder per Hand auf Schlagzeugbecken geklöppelt. Gemeinsam haben sie bloß, dass sie im Baukasten des Gegenwartspop nicht zu finden sind.

Was an diesem Abend zur Aufführung gelangt, ist keine Reprise, sondern ein Neubeginn: Die Band, die wir einmal unter dem Namen Portishead kannten, gewährt zwei Stunden lang Einblicke in ihr Labor. Zu den Neuentwicklungen gehört Silence, eine Ouvertüre, die bedrohlich vor sich hin pocht wie der Herzschlag eines Riesen. We Carry On kommt über die Distanz von sieben Minuten aus einem Nukleus aus Störgeräuschen gekrochen. Threads ist eine grob vernähte Kakofonie aus allen erdenklichen Seltsamsounds, und der Single Machine Gun, die mit Recht so heißt, sollte kein Einsatz im Autoradio beschieden sein: Beeinträchtigungen des Fahrvermögens wären die Folge. Im Unvernutzten und Unbenutzbaren liegt hier die Kraft. So hört sich Popmusik an, die sich vom Zwang, Kaffeehäuser zu beschallen, emanzipiert.

Tonnen von Equipment wurden auf die Bühne geschafft, zwischen denen die Akteure hin- und herhasten. Ständig wollen Feinheiten justiert, Details abgestimmt und Abläufe überwacht sein. Diese Musik hat etwas von einer Explosion, die in langen Prozessen des Tüftelns und Experimentierens unter Kontrolle gebracht wurde. Am Ende werden wir ein begeisterndes Premierenkonzert verfolgt haben, aber auch ein Lehrstück in Sachen Klanggewinnung. Avantgarde kommt nicht auf Knopfdruck aus dem Computer, sie muss gegen den Widerstand von Mensch und Material durchgesetzt werden.

Third hat keinerlei Gemeinsamkeiten mit derzeit üblichem Hitparadenfutter, doch hinter den asketisch-düsteren Oberflächen klingen Industrial-Sounds der späten Siebziger herauf und dahinter die elektronischen Pioniertaten eines Karlheinz Stockhausen, Pierre Henry oder Oskar Sala. Der strenge Geist der Techno-Avantgarde wird beschworen, eine Ära, in der Röhren und Oszillatoren den fortgeschrittensten Stand der Entwicklung darstellten, und die Zukunft den Mutigen noch zu Füßen lag. Wenn das mal keinen Trend ergibt: Hinten ist das neue Vorne."

 Thomas Groß DIE ZEIT, 17.04.2008

 

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