Willkommen bei Klaus Kirschbaum in Köln
Willkommen bei Klaus Kirschbaum in Köln

Durchbruch

Das hier alles wäre eigentlich gar nicht passiert ... und wenn, dann ohne mich! Denn an einem Karnevalsfreitag ging es mir gar nicht gut. Hatte mich schon zu meinem Semesterferienjob mühsam hingequält, geschlichen, mir war übel, Bauchschmerzen. Für wehleidig hielt ich mich eigentlich nicht. Aber jetzt kamen sie, die mitfühlenden Kollegen ....

"War wohl gestern ein Bier schlecht ... Weiberfastnacht!"

"Da hilft nur ein Underberg!"

"Und das schon an deinem dritten Arbeitstag ..."

Klar, die Semesterferien hatten Mittwoch angefangen, also war das mein erster Arbeitstag gewesen. Ein normaler Zwei-Monats-Vertrag, gut dotiert. Angenehmes Arbeiten in der Rechnungsprüfstelle des 'Gas-, Elektrizitäts- und Wasserwerk Köln' - später 'Rheinenergie'. Die eingehenden Rechnungen mussten mit den Angeboten verglichen werden. Es war die Zeit vor der Erfindung der Datenverarbeitung. Da ging alles noch 'zu Fuß' ...

Auch der dritte Underberg half nicht, mir ging es noch schlechter. Also wurde ich nach Hause geschickt. Auf dem Weg in die Sechzigstraße in Nippes begegneten mir in der Straßenbahn schon wieder zahllose Karnevalsjecke, wie üblich mit Gesang, mit Flaschenbier in der Hand zum Vorglühen ... den Geruch möchte ich nicht beschreiben.

Habe mich sofort ins Bett gelegt, etwas geschlafen, dann eine Wärmeflasche auf den Bauch gelegt ... aber es wurde nicht besser, ganz im Gegenteil. Gegen 20 h ging's mit dem Taxi ins Krankenhaus in Köln-Nippes ...

Als ich wieder wach werde, liege ich frisch operiert in einem Doppelzimmer, umringt von mehr als einem Dutzend Menschen. Es sind Medizinstudenten und ein Medizin-Professor, der mich freundlich begrüßt: "Da sind Sie dem Tod ja noch mal von der Schippe gesprungen!"

Welch ein Empfang, ich verstand nichts.

"Sie hatten einen Blinddarmdurchbruch, der Bauchraum war schon infiziert, wir hatten viel Arbeit, ihn wieder sauber zu bekommen."

"Was bedeutet das?"

"Das hätte auch schief gehen können ..."

Die Studentinnen und Studenten schauten anerkennend, als wenn sie sagen wollten: "Glück gehabt! Nicht gestorben!"

Mir wird langsam klar, was sich da gestern ereignet hatte. Hätte also alles vorbei sein können. Mit noch nicht 23 Jahren ...

Komme aber gar nicht weiter mit dem Ausmalen meines plötzlichen Todes, denn meine zweijährige Tochter kommt ehrfurchtsvoll auf mich zu. "Wir wissen, dass du viel Glück gehabt hast," sagt meine Frau. Ich wiegele ab und erzähle, dass die Mediziner alles im Griff haben.

"Allerdings muss ich 14 Tage zur Beobachtung hier bleiben."

"Oh je, das wird dir schwer fallen, denn hier darfst du ja nicht rauchen!"

Ja, damals habe ich viel geraucht, Rote Hand ohne Filter. Der Teer desinfiziert die Luftwege, so haben wir damals gescherzt. Geraucht habe ich damals auf der Etagentoilette für Männer. Draußen war es zu kalt.

Am fünften Tag ging es mir wieder schlechter, meine Bauch wurde dicker, die Bauchdecke spannte sich. Mir wurde übel, auch vom Gedanken, dass die OP wohl doch nicht so glatt gelaufen ist. Geht's jetzt doch zu Ende? Natürlich nicht, ich lebe ja noch ...

Ein Pfleger gab die Nachricht weiter und wenig später stand wieder der Raum voller Menschen. Der Chef der Runde erklärte den Umstehenden, wohl alles Studierende, dass jetzt der Oberarzt die Wunde wieder öffnet. Er hielt eine Schale an meinen Bauch. Eine Krankenschwester reichte ihm eine große Spritze, deren Inhalt in die Wunde gespritzt wurde. Dadurch schäumte eine zunächst sehr schwarze, dann immer heller werdende Flüssigkeit in die Schale ... Alle hatten große Augen und sahen mich mitleidig an. Erst jetzt bemerkte ich den Gestank ... so schlimm riecht es nicht einmal auf der Toilette, viel intensiver!

"Alles muss raus!" so die Anweisung des Chefs und verabschiedete sich mit seinen Anhängern. Der Oberarzt sagte, dass er jetzt die Wunde provisorisch verschließt und später die Prozedur wiederholen werde.

"Wird das gut ausgehen?" meine bange Frage.

"Sie sind bei den 5 %, die überleben, versprochen!"

Die Tage vergingen, die Wunde wurde wieder geflickt, war jetzt doch schon am Badestrand nicht mehr zu übersehen ... Langeweile breitete sich aus, mir ging es gut, wirklich. Also erkundigte ich mich, wann die Entlassung ansteht. Aber daran sei nicht zu denken, so der Oberarzt. Mein Zimmernachbar erzählte mir dann, dass man auf eigene Gefahr entlassen werden kann. Ich zog mich also an und sprach bei dem Stationsarzt vor. Der reichte mir einige Papiere, die ich unterschreiben sollte. Gesagt, getan.

Nun war ich krankgeschrieben, bis zum Ende der Semesterferien! Zwei Monatsgehälter für zwei Tage Arbeit, unglaublich! Habe mich schon mit einigen interessanten Themen des nächsten Semesters beschäftigt, Referatsthemen übernommen. Mit der Straßenbahn - sie fuhr damals noch oberirdisch nach Nippes - war ich zwischen den Haltestellen Agneskirche und Kuenstraße unterwegs, als ich einen furchtbaren Geruch wahrnahm. Er kam mir bekannt vor - Schreck lass nach! Ich schaute auf die Stelle am Bauch, wo immer noch ein Verband die Wunde verdeckte. Ein fast zehn Zentimeter kreisrunder schwarzer Fleck auf der rechten Seite des Oberhemds. Unwillkürlich verdecke ich mit meiner Tasche den Fleck. Und steige aus.

Gut, dass ich behalten hatte, was zu tun war. Meine Frau bat ich, Wasserstoffsuperoxid, eine große Spritze und desinfiziertes Verbandsmaterial zu besorgen. Die Apotheke war gleich gegenüber, Sechzigstraße/Ecke Zonser Straße. Und dann verarztete ich mich selber. Die Wunde war wieder aufgegangen, aber nur einen knappen Zentimeter. Habe mehrmals die schwarze Bakterienflüssigkeit  herausgeschäumt und verbunden. Irgendwann war Ruhe und die kleine Wunde auch wieder zugewachsen. Da ich nicht mehr 68 kg, sondern 90 kg wiege, sieht die Narbe heute schlimmer aus als damals ...

PS: Jetzt habe ich einmal gegoogelt. Der Karnevalsfreitag im Jahr 1971 war der 19. Febuar. Und da ich inzwischen schon mehrfach danach gefragt wurde ... ja, es ist alles so tatsächlich gewesen ...  Als ich meiner damals 2-jährigen Tochter de Geschichte geschickt habe, schrieb sie per Whatsapp zurück: "... und ich kann mich doch gaaaaaanz weit entfernt daran erinnern! Auf jeden Fall war ich sehr eingeschüchtert im Krankenzimmer und kam mir extrem klein vor mit all den Leuten ... Was man alles so verschüttet für Erinnerungen im Gehirn mit sich trägt?...Aber dein Blinddarmdurchbruch war ja extrem heftig!!!?"
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© Klaus Kirschbaum