Willkommen bei Klaus Kirschbaum in Köln
Willkommen bei Klaus Kirschbaum in Köln

Ein Einschreiben ist nicht nur ein Schreiben

Ein merkwürdiges Gefühl: War nicht zuhause, als der Briefträger kam. Freitag um 12.25 h, war unterwegs. Dafür lag da eine Karte im Briefkasten, dass ich das Einschreiben mit Rückschein am Samstag ab 16 h abholen könne. Zu dem Zeitpunkt hätte die Poststelle aber schon geschlossen gehabt, das wusste ich aus leidvoller Erfahrung.

Also bis Montag warten ... keine Ahnung, was das wieder sein könnte. Überraschungen mag ich nicht. Üble Überraschungen erst recht nicht.  Möchte immer vorbereitet sein, stelle mir vor, was alles sein könnte, damit ich weiß, wie ich reagieren muss, um negative Folgen zu vermeiden. 

Schon einmal habe ich ganz falsch gelegen - hatte für meine frühere Homepage eine Kopie aus einer Falk-Stadtkarte eingefügt, um damals für Praktikanten und Schüler den Umzug der Schulstelle Eitorfer Straße zur Zülpicher Straße darzustellen. Fataler Fehler ... per Einschreiber kam die Klageandrohung (Urheberrechtsverletzung ..) und die fette Rechnung. Mehr als 800 € plus Mehrwertsteuer zuzüglich diverser Mahn- und Verwaltungskosten. So kam dann eine 4-stellige Summe zusammen. Angesichts der Erinnerungen steht mir der Schweiß auf der Stirn - vor Wut. Auf mich, denn ich hätte es wissen müssen. Man möchte in den imaginären Tisch beißen ...

Also schon wieder so etwas Dummes?

So lange wie befürchtet musste ich nicht warten - durch puren Zufall begegnete ich dem Briefträger auf seinem Weg zu seiner Zentrale. Er sah mich und begann sofort in seinen fast leeren Behältern den Stoß unerledigter Einschreiben zu suchen. Kaum zu glauben, sagte ich. Doch er verdrehte die Augen - es gäbe so viele säumige Zahler, davon hätte ich keine Ahnung. Mag sein. Aber was hatte ich nicht bezahlt? Schufa-Eintrag? Unglaublich ...

Erst mal egal. Wo war mein Einschreiben?  Er blätterte zu allem Überfluss noch einmal unendlich langsam die volle Hand mit Einschreiben aus seinem Zustellbezirk durch. Und dann die Erleichterung:

Die notarielle Ausfertigung eines Testamentsvollstreckerzeugnisses des Amtsgerichts Dinslaken nach dem Tod meiner 96-jährigen Tante ... Erbengemeinschaftssache, die mir das Amtsgericht Dinslaken vor zwei Tagen bereits in einem normalen Brief mitgeteilt hatte. Nun also der Notar, dessen Rechnung ich vor einem halben Jahr bezahlt hatte ... Hatte ich mir wohl doch zu viele Gedanken gemacht. Erleichterung!

 

Ganz anders das, was Rebecca erlebt hatte, als sie von einem Einschreiben überrascht wurde. Ich kenne Rebecca seit einigen Jahren. Sie ist eine der interessantesten Frauen, denen ich je begegnet bin. Zuletzt hatte ich Rebecca getroffen, als sie im Referendariat war. Gymnasiale Fächerkombination Deutsch / Phi­losophie ... „Brotlose Kunst“, hatte ich dazu gesagt. Schien ihr egal zu sein. Sie machte einen glücklichen Eindruck, total übermütig für ihre Verhältnisse. Haben damals rumgeflachst, angefangen beim Philosophie-Unterricht am Gymnasium bei 'höheren Töchtern' bis hin zur ihrer alten musikalischen Leidenschaft, der Querflöte. War das eine schöne Zeit.

 

Einige Jahre später erhielt ich von ihr eine Mitteilung, der für sie wie der Beginn eines Märchen klingen musste:

"Wir sind unendlich glücklich über das Wunder: Stephan ist da, unser ganzes Glück"

Einer von sicherlich vielen Empfängern dieser Nachricht war damals ich. Nicht ganz unvorbereitet. Hatte davon gehört, dass Rebecca geheiratet hatte, dass sie schwanger war. Hatte mich sehr gefreut für sie! Hatte sie verdient, hatte ich spontan gedacht, nach den unglücklichen Beziehungen vorher...

 

Fast ein Jahr später dann der Anruf: "Ich falle gleich mal mit der Tür ins Haus! Habe das Referendariat mit "gut" abgeschlossen und suche eine Stelle. Kennst du ein Berufskolleg, das Bedarf in Deutsch und Philosophie hat? Vielleicht sogar deine Schule?" Sie kannte die Schule, weil das Orchester, in dem sie spielte, einmal in der Woche abends in der Aula des Berufskollegs an der Lindenstraße in Köln (BKaL) probte.

 

Eine unlösbare Aufgabe, denn in den beiden letzten Jahren waren zwei junge Kollegen mit dieser Fächerkombination eingestellt worden, beide promoviert, hatten die Erste und die Zweite Staatsprüfung mit "sehr gut" absolviert ... Damit war auch bei einer so großen Schule wie dem BKaL der Unterrichtsbedarf an "Praktische Philosophie" als Alternative zum konfessionellen oder konfessionsübergreifenden Religionsunterricht abgedeckt, auf Jahre.

 

Um nicht nur negative Nachrichten zu überbringen, bot ich ihr meine Übersicht mit Tipps zu den Auswahlgesprächen im "schulscharfen" Einstellungsverfahren an. Acht Seiten mit Hinweisen zum üblichen Ablauf, mit typischen Fragestellungen, auf die man sich vorbereiten sollte ... bis hin zu Tipps zum Auftreten. Im Gegensatz zu normalen Menschen sind Referendare noch nie in einem Einstellungsgespräch gewesen - es sei denn, sie haben eine berufliche Erstausbildung absolviert oder sogar das richtige Leben kennengelernt: Berufstätigkeit. Dass Referendare hier unbedarft sind, zeigen zahllose Bewerbungsschreiben und belegen viele Auswahlgespräche an diversen Schulen, die ich als Mitglied von Auswahlkommissionen kennengelernt habe. Da ich regelmäßig in den NRW-Ausbildungs­semi­na­ren als Referent zum Thema Einstellungsaussichten und Auswahlverfahren eingeladen war, gab es früher auf Papier, später als Datei entsprechende Unterlagen von mir. Nun gut, die Dateien durfte ich ihr schicken, aber es schien eher eine Nettigkeit, dass sie sie entgegennehmen wollte.

 

Dann wieder ein Jahr Kommunikationspause, zwischendurch nur mal eine Whatsapp zum Geburtstag ... Jäh beendet wurde die Whatsapp-Flaute mit einer unglaublichen Nachricht:

 

"Habe ein Einschreiben vom Anwalt meines Mannes bekommen. Ich soll innerhalb von sechs Wochen die gemeinsame Wohnung verlassen, damit das Trennungsjahr beginnen kann!"

 

Mir fiel die Kinnlade herunter ... konnte es nicht glauben. Was war da passiert? Rebecca dem Traummann untreu? Nein, nie! Selbst für langjährige Freunde wie mich hatte sie keine Zeit. Also schrieb ich:

"Dein Mann hat eine neue Freundin - noch jünger als du? Kann doch nicht sein, du bist doch schon 15 Jahre jünger als er."

"Nein, sie ist 5 Jahre älter als er, Ärztin, geschieden, zwei erwachsene Kinder sind aus dem Haus ..."

Schreibpause.

Meine Überlegungen waren richtig. Die Neue, die älter war, wollte Rebeccas Platz einnehmen:

"Sie will sich auch um Stephan kümmern, da ich dann als alleinerziehende Vollzeitlehrerin zu wenig Zeit hätte ..."

 

Die nächste Schreibpause machte mir klar, warum sie nicht mir telefonieren wollte. Ihr Kloß im Hals war vermutlich so dick, dass kein Ton herauskommen würde.

Ich hörte Grandaddy "Egg Hit and Jack Too", aber nur die Melodie, was Jason Lytle 2002 da sang, kam bei mir nicht an. Denn ich überlegte: sie musste doch zu einer Anwältin, wie sollte sie jetzt eine Wohnung finden? Könnte man ihr das Kind einfach so nehmen? Da müsste doch schon wirklich Erhebliches geschehen sein. Aber Rebecca doch nicht, ist sie nicht aus einer echt katholischen Familie? Was führt der Mann im Schilde? Ich hatte Fragen, ich hatte gute Musik.

Die nächste Schreibpause beendete sie mit der Aufforderung: "Du musst mir helfen, du musst meinem Mann die Freundin ausspannen!"

Ich stellte verdutzt meine Weinschorle ab "Bist du jeck? Willst du mich auf den Arm nehmen?"

"Das wäre die beste Lösung", sagte sie in dem leisen und warmen Ton, der mir immer so gut an ihr gefiel. Und dem ich kaum widerstehen konnte ... Kam ja auch auf die Neue an ...

Ich verwarf ihren Gedanken und formulierte einen eigenen.

"Wenn jemand dir ein solches Schreiben über seinen Anwalt zukommen lässt, dann hat der mit allem abgeschlossen, glaub mir!"

"Wenn die mir Stephan wegnehmen, dann bring ich mich um."

 

Trotz ihres katholischen Hintergrunds hätte ich es ihr fast abgenommen, so verzweifelt klang sie. Aber so einfach geht das dann doch nicht, wusste ich mit ein wenig Lebenserfahrung.

Inhaltlich könnten das auch Familiengerichte anders sehen und entscheiden, davon war ich überzeugt. Doch ich fand keine passenden Worte mehr. Wir schwiegen per WhatsApp. Ich merkte, dass sie unendlich unglücklich war.

Radiohead kam mir mit dem Pyramide-Song aus 2001 in den Sinn. Die nuschelnde Stimme, ohnmächtiger Gesang ohne die Lippen zu bewegen 'I jumped in the river, what did I see? Black-eyed angels swam with me ...'  Wie ohnmächtig traurig musste sie sein. Umgeben von Radioheads Dämonen mit den schwarzen Augen ...

 

Hatte Rebecca nicht zweimal die vermeintlich große Liebe gefunden? Doch jedes Mal war der Mann verheiratet! Enttäuschung, weil sie ihre Frau nicht verließen! Dann der Traummann - und dann jetzt das!

Ich schrieb weiter:

"Hast du eine Anwältin? Da gibt es doch 'Frauen helfen Frauen' ... hab ich mal gehört."

"Habe eine Anwältin, die Erwiderung ist raus."

"Na also, das wird noch. Das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen. Im Normalfall müsst ihr euch das Sorgerecht teilen."

Whatsapp zeigte an: aus "online" wird "zuletzt online heute 22.10 h"

Schickte ihr noch hinterher: "Jetzt schlaf erst mal, morgen ist Schule ... und melde dich, wenn ich was tun kann, wenn es was Neues gibt ..." Und noch ein Schnarch-Smiley mit zzZ hinterher ...

Ich streamte Radiohead bis "Like spinning plates (live)". Klang jetzt aufgeräumt, ruhig, ja fast feierlich! Gut zum Runterkommen und Sackenlassen.

 

Wie gerne hätte ich sie in den Arm genommen, getröstet. Sie war schon eine ganz liebe Frau. Vielseitig, musikalisch, allerdings klassisch, engagiert, und jetzt auch bestimmt ein leidenschaftliche Mutter, die Tränen in den Augen hatte. Dabei hatte sie unglaublich schöne Augen! Daran erinnere ich mich genau.

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© Klaus Kirschbaum