Willkommen bei Klaus Kirschbaum in Köln
Willkommen bei Klaus Kirschbaum in Köln

Soap & Skin

Zuerst sah und hörte ich das Konzert in der Kulturkirche in Köln-Nippes, dann im Rahmen der c/o pop in der Kölner Philharmonie und schließlich im Hamburger Hochbunker ... und am 11. April 2019 tritt sie im Gloria in Köln auf - zwei Karten habe ich gleich mal gekauft, ohne zu wissen, wen ich mit der 2. Karte erfreuen kann ...

 

Sugarbread ...  perfektes Beispiel von Soap & Skin: Musik und Videokunst.oder 

Voyage Voyage (Director's Cut) als Kombination von Konzertauftritt und Video ... und sehenswert

Soap & Skin: Me and the devil (live from "Voices for reffugees"

 

Mehr zum 3. Album 

"Utopien aus dem Schutzraum

 

Musik macht sie nur, wenn etwas aus ihr rausdrängt: Nach sechs Jahren Pause gibt es ein neues Album der österreichischen Pop-Künstlerin Soap&Skin. Es träumt mit sanften Flügelhörnern von einer besseren Welt.

 

Wenn Kunst wirklich gut ist, macht sie einen kaputt. Wie ein Brieföffner reißt sie einem den Schutzumschlag ein. Und schon steht man da und ergießt sich in all seinen zartesten Farben über das Grau des Alltags. "Can we find a place? Where Love ist more patient and done with chase?", singt Anja Plaschg alias Soap&Skin in "This Day": Gibt es einen Ort, an dem die Liebe geduldiger ist? Es ist der erste Song ihres ersten neuen Albums seit sechs Jahren, und es ist quasi unmöglich, nicht sofort ergriffen zu sein. Streicher, Piano und dann diese Stimme: So etwas hört man nicht in Büros oder anderen, auf das Funktionieren ausgerichteten Orten. Man braucht einen Schutzraum, bevor man sich dieser Musik schutzlos ausliefert. Und genau in einem solchen ist "From Gas To Solid/ You Are My Friend" entstanden. Plaschg, 28, nimmt ihre Alben zu Hause in ihrer Wiener Wohnung auf und produziert sie dort auch. Sie ist ein Mensch, der gerne daheim ist, sich zurückzieht und vom überfordernden Außen abschirmt.

Die Songs erzählen von einer diffusen Sehnsucht nach Kontakt, Zuflucht und Trost. Alles ist nicht so leicht greifbar, aber es greift nach einem. Das Cover, das zum ersten Mal nicht Plaschgs Gesicht zeigt - obwohl die Plattenfirma andere Pläne hatte - zeigt eine konstruierte Welt, es koloriert Nasa-Aufnahmen der Erde mit Schimmel, der, so betrachtet, nichts als wunderschön ist. Soap&Skin malt Klangwelten mit ihrem Gesang, Atem, einzelnen Instrumenten und Orchesteraufnahmen, sowie etlichen eigens aufgenommen Geräuschen. Im Zentrum aber steht meist ihr Pianospiel. Das war schon 2006 bei ihren ersten Auftritten so. Die damals 16-jährige Österreicherin geriet auf der Bühne in Panik, weil ihr das Publikum plötzlich so nah war. Sie begann sich und ihr Piano zu verhängen. Einen Schutzraum auf der eigenen Bühne einzurichten.

2008 schickt sie ihre Songs an das Berliner Label Shitkatapult. Umgehend veröffentlichen sie den Track "Mr Gaunt PT 1000", ein Jahr später folgt, schon bei ihrem aktuellen Label PIAS, die erste eigene LP "Lovetune For Vacuum". Im Video zur der nach dem griechischen Totengott benannten Single "Thanatos" steht Plaschg unter einer Glasscheibe, auf die Erde rieselt. Düster und morbide sei das, befindet die Presse. Plaschg leidet an den Zuschreibungen und der verkitschten Sensationalisierung ihrer Person. "Dunkle Prinzessin" nennt sie der KulturSPIEGEL. "Als ich das gelesen habe, wollte ich mich einliefern lassen", sagt sie.

2009 erscheint "Narrow", ein Album, das sie nach dem Tod ihres Vaters schrieb. Ihre Musik ist immer vom eigenen Herzschlag durchpocht. Sie veröffentlicht immer dann, wenn etwas aus ihr raus muss. Jedes Jahr ein Album, das will sie nicht, das könnte sie nicht, sagt sie. In den Jahren zwischen ihren Veröffentlichungen komponiert sie Filmmusik, "Italy" etwa, für das italienische Mystery-Drama "Sicilian Ghost Story". Am Thalia Theater in Hamburg singt sie als Julia in "Romeo und Julia". Helene Hegemann ließ sie mit ihrem Cover von Gil Scott-Herons "Me And The Devil" in "Axolotl Overkill" auftreten. In Ruth Beckermanns Film "Die Geträumten" liest sie gemeinsam mit einem Schauspielerkollegen die Briefe, die Ingeborg Bachmann einst an ihren geliebten Paul Celan schrieb.

Im vergangenen Jahr aber brauchte sie das Musikmachen - als Zuflucht. An "Sourround", dem Herzstück des Albums, hat sie zwölf Jahre gearbeitet. Live hat sie den Song schon häufiger gespielt, meist nur am Klavier. Jetzt trägt er ein Orchester, aber zerschnitten und gesampelt. Und doch ergießt sich der Song über das Ohr direkt ins Mark. Neu im Soap&Skin-Universum ist das Flügelhorn. Sie sagt, sie hat sich verliebt in Bläser. "Ist es nicht schön", fragt sie, "dass der Mensch etwas erschaffen hat, das durch seinen Atem klingt?"

Für "Foot Chamber" nahm sie eine Stunde Improvisationen eines Hornbläsers auf. Aber diesen einen Ton, den kriegte er nicht hin. Plaschg blies ihn schließlich selbst ein. Dann collagierte sie alles zusammen, stellte sich vor, wie in ihrem Heimatort Gnas in der Steiermark eine Blaskapelle einmarschiert - Schritt. Schritt. Schritt. Dann aber kommt die E-Gitarre, und alles kracht zusammen.

In der ersten Singleauskopplung "Heal" heißt es: "Fear used to be near here, but won't anymore" - die Angst war immer nah, aber jetzt nicht mehr. Das fasst "From Gas To Solid/ You Are My Friend" gut zusammen: Es ist das hellste und wärmste Soap&Skin-Album bisher. Es klingt nach Zuversicht, auch wenn man gerade noch, wie in "(This Is) Water" - einem herrlich kühl tönenden Brunnen von einem Song - noch mit beiden Beinen bibbernd im kalten Wasser steht. Gewidmet ist das Stück David Foster Wallace und seinem Essay "This Is Water". Darin erklärte der 2008 verstorbene US-Autor, dass das Ziel aller Bildung sein sollte, seine egozentrische Werkeinstellung zu erkennen, um sie aushebeln zu können. Empathie, das sei die Freiheit des gebildeten Geistes.

Es ist die Idee einer anderen, einer besseren Welt. Und so mündet "From Gas To Solid/ You Are My Friend" in Plaschgs Version von Louis Armstrongs "What A Wonderful World". Und wenn die mit ihrem letzten Klang in einem aufgegangen ist, ist man so weich, dass diese Utopie unbedingt machbar erscheint. Zumindest im Schutzraum des eigenen Zuhauses."

 

von Julia Friese am 25.10.2018 in Spiegel-online

Im Schattenreich der Psyche: Anja Plaschg, die Tochter eines steirischen Schweinezüchters, und andere Sängerinnen einer neuen, dunklen Romantik

Ein 18-jähriges Mädchen, das aussieht, als sei es Emily Brontës Roman Wuthering Heights entstiegen, singt vom Tod. Es hat einen schweren österreichischen Akzent, und seine Stimme ist so leise und für sich allein, dass man den englischen Text kaum versteht. »Bury me under ice, smother me«, erklingt der Refrain – begrabe mich unter Eis, ersticke mich. So irritierend ungeniert hat sich schon lange niemand mehr zum Pathos bekannt. Doch die morbide Romantik des Songs verfehlt ihre Wirkung nicht. Weil das Mädchen jung ist und die Musik schwermütig schön.

Das Publikum in der Hamburger Theaterfabrik Kampnagel ist begeistert, als Anja Plaschg alias Soap & Skin im Spätsommer 2008 eins ihrer raren Konzerte gibt: Die Haut weiß wie Schnee, das hochgesteckte Haar schwarz wie Ebenholz, hantiert sie an einem MacBook. Elektronische Sound-Fraktale splittern aus den Boxen, gesampelte Streicher dröhnen dumpf und schwer. Dazu greift sie in die Tasten eines Flügels und beginnt zu singen: mal flüsternd, mal wimmernd, mal schreiend. Es gibt keine Ansagen, höchstens ein gehauchtes »Danke schön«, der Blick ihrer fiebrigen Augen geht dabei stets nach unten. Als sie gegen Ende des Konzerts Spiracles spielt, ein Lied über die Schrecken der Kindheit, geschildert aus der Perspektive einer Außenseiterin, will der Beifall kein Ende nehmen.

Der Tod und das Mädchen – es ist eine ungewöhnliche Erfolgsstory, die den Auftritten Anja Plaschgs zugrunde liegt. Obwohl sie schon im Alter von 14 eigene Songs schrieb, die der österreichische Radiosender FM4 sendete, kannte Soap & Skin außerhalb ihrer Wahlheimat Wien kaum jemand. Bis vor Kurzem war nur ein einziger Song im Handel, ein Beitrag auf der Compilation eines Berliner Electro-Kleinlabels; Anja Plaschg verstand sich vor allem als Malerin, die in der Meisterklasse Daniel Richters studierte. Ermutigt durch Richter, der nebenher das Plattenlabel Buback betreibt, verschickte sie CDs, war aber noch zu jung, um einen Vertrag zu unterschreiben. Als sie volljährig wurde, ging plötzlich alles ganz schnell: Während die Klicks auf ihrer MySpace-Seite in die Höhe schossen, begannen die Medien sie als »Wundermädchen« zu preisen. Nun erscheint endlich ihr erstes Album – und aus der Außenseiterin ist ein kleiner Star geworden.

Unter dem Namen Soap & Skin macht Plaschg Blitzkarriere im Netz

Die Geschichte klingt, als hätte ein gerissener Musikmanager sie sich ausgedacht – trotzdem ist Soap & Skin allein das Geschöpf Anja Plaschgs. Sie hat alle Songs selbst geschrieben, selbst produziert und, bis auf ein paar Streicher und Bläser, auch selbst eingespielt. Das Ergebnis ist ein ganz und gar außergewöhnlicher Liederzyklus, der bisweilen an den delikaten Kammer-Pop von Antony & The Johnsons erinnert, aber auch an die Kindertotenlieder von Mahler und die eisigen Klangflächen des norwegischen Elektronikers Geir Jensen. Einige der Stücke sind bereits über drei Jahre alt, entstanden praktisch noch im Kinderzimmer, womöglich klingen sie deshalb so größenwahnsinnig erhaben. In Thanatos, einem neueren Lied, tönen die Pianoakkorde schicksalsschwer wie Fallbeile, während Anja Plaschg mit der Stimme einer zornigen Hohepriesterin dazwischenfährt: »Ages of delirium, curse of my oblivion«.

Der Erfolg solcher Selbstexaltationen beruht gerade auf der Tatsache, dass keine Industrie dahintersteht: Sie sind allein der Fantasie eines von weit draußen kommenden Selfmademädchens entsprungen. Aufgewachsen ist Anja Plaschg in dem steirischen Dorf Gnas, als Tochter eines Schweinezüchters und Großbauern. Neben dunkel-romantischen Porträts im Moos der Wälder findet sich auf ihrer MySpace-Seite ein berührendes Foto. Es stammt aus einem Video, das sie zusammen mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester im elterlichen Stall gedreht hat: Nackt und sehr dünn kauert die kleine Anja da zwischen einem halben Dutzend Schweinen, verschwörerisch steckt ihr Kopf zwischen den Schnauzen, so als würde ein gemeinsamer Plan geschmiedet. Auch die anderen Indizien auf dieser Seite sagen: Hier passiert etwas Besonderes, hier geht es nicht bloß um den neuen Schnitt der Lederjacken, die Jugendliche beim Rebellieren im Freizeitpark tragen.

Ein Trend lässt sich damit nicht begründen, wohl aber spiegelt die Blitzkarriere der Anja Plaschg eine Tendenz: Während man bei RTL noch den Superstar sucht, der es möglichst allen recht macht, forschen Musikbegeisterte im Internet längst nach ihren eigenen, ganz persönlichen »Stars«. Dieses individualistische Fantum legt großen Wert auf Abgrenzung zum Mainstream.

Im milden Licht ihrer Computerbildschirme durchstreifen Jäger und Sammler stundenlang das Netz, sie studieren ausführlich die überlangen Plattenkritiken des Netzmagazins Pitchfork, schmunzeln über unfreiwillig komische Videos auf YouTube, sie recherchieren auf MySpace akribisch im Freundeskreis interessanter Bands. Je tiefer man in dieses Reich eindringt, umso voyeuristischer wird es, mindestens ebenso wichtig wie die Musik sind tagebuchartige Notizen, persönliche Zeichnungen und Fotos. Wie stets im Netz geht es um Sehnsüchte, Projektionen und geheime Wünsche.

Ein gutes Beispiel für die Gefahr von Klischees, die dabei entstehen können, ist die amerikanische Songwriterin, Malerin und Internet-Selbstdarstellerin Marissa Nadler. Hübsch und sehr schlank, gekleidet in spitzenbesetzte Hippiekleider, haucht die 27-Jährige auf ihrem neuen Album Little Hells sehr gekonnt Lieder über das Unglück junger Mädchen vor sich hin. Oder sie besingt den Leichenzug einer Trauergemeinde, während im Hintergrund einzelne Instrumente funkeln. In ihrem stimmungsvollen Minimalismus klingen diese Balladen anheimelnd verträumt, wäre da nicht die beklemmende American-Gothic-Atmosphäre. Nadler nennt Kate Bush als wichtigen Einfluss, aber ebenso David Lynch und den Outsider-Künstler Henry Darger. Die meist männlichen Kritiker liegen ihr für so viel Feinsinn zu Füßen.

Die Musik mischt gekonnt und hemmungslos Folk mit Heavy Metal

Doch müssen Frauen wirklich immer schöne, sanfte Opfer sein? Eine eher widerspenstige, geradezu dickköpfig befreiende Form von Romantik findet man bei Rose Kemp. Die Tochter zweier britischer Folkmusiker – Maddy Prior und Rick Kemp spielten vor Jahrzehnten bei der Band Steeleye Span – gibt sich auf ihrer MySpace-Seite so satanisch wie möglich: Im stetig flackernden Licht ist ein alter Friedhof zu erkennen, während im Hintergrund der Song The Unholy läuft, der schwere Orgelakkorde mit noch schwereren Heavy-Metal-Gitarren verbindet. Dazu schreit die 24-Jährige, als sei der Leibhaftige in sie gefahren, nur um gleich anschließend mit einem opulent und sehr eigenwillig arrangierten Folksong zu schmeicheln. Das bereits vor einigen Monaten erschienene Album Unholy Majesty ist ein harter, aber lohnender Brocken. Da sich Rose Kemp nicht auf das abgeschmackte, aber dennoch beliebte Image der Folk-Elfe reduzieren lässt.

Auch Anja Plaschg wehrt sich als Soap & Skin gegen Zuschreibungen jeder Art. Weil das anstrengend sein kann, wurde sie mit Nico verglichen, der Sängerin, die vom blonden It-Girl und Warhol-Superstar hinabgestiegen ist in ein popkulturelles Schattenreich, wo sich Kunst und Heroinsucht die Hand reichen. »Ich spüre da einfach eine gewisse Nähe, die über die Musik hinausgeht«, sagt Anja Plaschg, die im vergangenen Jahr in einer Berliner Inszenierung namens Nico – Sphinx aus Eis mitwirkte. Ihre eigene Musik, da ist sie sich sicher, sei »ein Akt mit dem Unterbewusstsein«. Wenn sie über Inspiration redet, klingt das manchmal wie aus einem Schauerroman: »Da ist ganz viel Angst mit dabei, weil ich eben nicht weiß, wann oder wie es kommt, weil ich mich dann wie ein Gefäß fühle, oder wie ein Medium.« Man wartet, während man zuhört, geradezu darauf, dass sich die Vorhänge aufblähen und mit einem Schwall Herbstlaub die Inspiration hereingeweht kommt.

Doch vermutlich ist es genau dieser Blindflug durchs Schattenreich der Psyche, der ein Album wie Lovetune For Vacuum so außergewöhnlich macht: Popmusik braucht Geheimnis und Verzauberung, sonst ist sie nichts als funktionales Hintergrundrauschen. Anja Plaschg wird dem gerecht, indem sie, statt noch ein leicht verdauliches Angebot zu machen, sich selbst zur Disposition stellt: ihre Jugend, ihr Anderssein, ihren unbedingten Willen zur Kunst. Bang fragt man sich, was aus ihr werden wird: die neue Kate Bush, eine PJ Harvey aus der Steiermark – oder doch nur der Internet-Hype vom letzten Jahr? Die enigmatisch schönen Lieder auf Lovetune For Vacuum verweigern die Antwort darauf. Aber dass sich Medien und Menschen ohne großes Werbebudget für diese talentierte Newcomerin interessieren, das ist im Krisenjahr 2009 ein Hoffnungsschimmer.

Von Jürgen Ziemer  (erschienen in Die Zeit 12/2009)

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